* 2. Juli 1919, Louisdorf (Schlesien) – Gestorben 7. Okt. 2007, Gütersloh (NRW)
Die Indianer gaben den Fischen keinen Namen. Sie waren „Prozesse im Wasser”. Für jeden Lebenszyklus gaben sie den Tieren einen anderen Namen – was die ‚zivilisierten’ Menschen natürlich sofort auf eine Art von Dummheit zurückführen mussten. Sprache die Erfahrung ist. In nur einer Sekunde ist auch der letzte Atem entsprungen. Dein Herz ist stark, aber wir entziehen ihm nun seine Macht, die Deine Seele noch an uns und dieses Bett fesselt wie Papier auf meiner Zunge. In einer Minute verschwindet ein Leben mit all seinen Berührungspunkten, mit all seinen Geschichten, seinen Sorgen und seinem Lachen – verschluckt wie in einem schwarzen Loch. Die Erde bebt und bricht. Es heult, brüllt und tost. – Stille. Eingehüllt in dichte Wolken von Staub; dann lichtet sich dieser schwer-atmende Nebel. Mit Splittern von Tränen und vergangenen Bildern öffnet man die Augen – dort ist eine leere Stelle. Nur die Berührungspunkte, stehen schwer und hilflos im neuen Nichts herum, denn das Haus zu dem Sie gehörten ist nicht mehr da. Ich huste und spucke. Ein Augen-blick. Noch sehe ich Dir in die Augen, wir treffen uns in all unsrem Sein – Ich atme aus und Du atmest ein – und dann, machst Du sie für immer zu. Und ich verstehe. Und ich begreife – aber nein ich tue es nicht. Ich stampfe mit dem Fuß auf ohne es zu tun. Die Ohnmacht ist auch die Kraft und die Schönheit des Todes. Ich zerbreche daran und dann bin ich dankbar, denn Du lehrst mich was Leben wirklich heißt. Das einatmen, das ausatmen. Die Hülle meines Körpers in Berührung mit der Luft, mein Herzklopfen, die Farben des Herbstlaubs, das Dir auf Deinem Bett entgegenleuchtet. Unsere LehrerInnen finden wir in den unerwartesten Plätzen/Personen; manchmal stehen sie direkt vor uns; wenn wir uns trauen würden sie nur zu sehen und zu hören… Alles zieht sich in mir zu einer Essenz des temporären Seins und dem Rufen meines Herzens zusammen. Meine Menschlichkeit verbrennt und steht wie ein Phönix wieder auf; in Milli-sekunden und immer und immer wieder. Zeit existiert auch – oder vielleicht nur – in der Vertikale. Da ist sie wirklich. Dein Tod läßt mich fühlen, was es heißt am Leben zu sein. Was Liebe ist. Ich zerreiße vor Sehnsucht, vor Unverstand und grausamer Übermütigkeit – ich sehe zu wie ein Buch sich schließt, und wie sich damit auch ein Kapitel in meinem Lebensbuch unweigerlich schließt. Ich bin eins mit dir – wie heißes Gummi ziehe ich mich vor und zurück, zäh durch die Leben meiner ‚Mütter’ der verschiedenen Generationen. Eine Matrix der Weiblichkeit. Das kollektive weibliche Unterbewußtsein, das uns wie ein unsichtbarer Schleier verbindet. Gestern – heute – morgen. Ich kann mich nicht trennen. Und ich habe es verstanden, Leben, ich bin es. Und ich bin in diesem Moment nichts anderes mehr. Der Beobachter und das Beobachtete sind eins. Vorher nur Worte. Jetzt gelebt. Nur Energie. Es bleibt eine volle Leere. Wir bewegen uns nicht und Du Dich auch nicht mehr. Wenn ich damit aufhöre wissen zu müssen – verstehe ich. Ein Foto bleibt zurück. Eine Ära die ich erlebt habe. Alle sind weitergegangen. Für immer zu Ende. Auch wenn ich in meinem tiefsten Herzen fühle, dass alles im Leben seine Zeit hat, dass ich die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod einräume, so kann ich doch manchmal nicht anders und den intensiven Wunsch verspüren nur noch einmal wieder dort zu sein. Abschied nehmen hat mich gelehrt, dass uns geliebte Menschen selbst mit Ihrem Tod einen Weg aufzeigen können. Einen Weg der nicht nach vorn und nicht zurückgeht. Einen Weg, der keine Resultate bringt. Einen Weg nach Innen, der den Raum des Seins anschwellen läßt. Gehen wir in die Angst, in die Wut, in die Ohnmacht wirklich hinein dann haben wir die Chance etwas zu erleben und dadurch zu verstehen – und auch in seinen letzten Atemzug würdigen wir einen Menschen mit unserer angstlosen Präsenz, die ihn ziehen läßt und gleichzeitig feiert. Alle Texte © Katrin Riedel-Kelly.
übernehmen wir viele ‚Rollen’. Diese sind wichtig, aber sie reduzieren auch oft nur zur Funktion/zu einem Funktionieren. (Essen machen, Kinder großziehen – Oma, Frau, Mutter…). Aber im Enddeffekt sind wir mehr als ihre Summe. Als ich alt genug war um das Leben zu reflektieren anstatt nur aktive Beobachterin in ihm zu sein; als mich Fragen über Identität, Heimat, Frau – sein quälten, begann ich mich zu fragen wer Dora eigentlich ist? Immer öfter fiel mir ihr Schweigen auf wenn es um Familienanekdoten oder Geschichten ‚von früher’ ging. Beim Kaffee waren die meisten Familienmitglieder in lebhafte Unterhaltungen verwickelt oder hatten zumindest zu derzeitigen Geschehnissen in der Welt oder ihrem eigenem Leben etwas zu sagen; nur Dora saß schweigend vor sich hin; niemand fragte sie etwas. Nie sagte sie wirklich etwas. Sie war doch auch einmal 19? Verliebt? Hatte Träume? Hobbies? Ängste? Geheime Gedanken? So verbarg sich auch hinter meiner oft schweigsamen, lieben Oma noch jemand anderes – und zwar eine Frau mit sehr viel Kampfgeist, Mut und Lebenswillen. Dora ist 1945 mit ihrer Mutter und ihrem Vater aus Ihrem zu Hause vertrieben worden. Winter und Grausamkeit. Gewehr im Nacken. Mit einem Stück Maisbrot in der Tasche bei Morgengrauen vor den Russen über Äcker und Felder gerutscht und gekrochen; immer in Lebensangst – denn auch wenn Sie vertrieben wurden, sie keiner wirklich haben wollte, so durften sie doch nicht fliehen. Sie ließ ihre gesamte Familie zurück, riskierte ihr Leben um Ihren Mann, den sie 2 Jahre nicht gesehen hatte, wiederzufinden. Das tat sie auch. Sie hat Ihre Heimat und ihren Vater nie wieder gesehen. Ein Wiedersehen mit ein paar wenigen anderen Angehörigen gab es so gut wie nie – denn nach dem Krieg trennte sie die ‚gesicherte Zone’ des Kommunismus. Und Ihr zu Hause war nun das Ausland, das Ihre Sprache, Ihren Humor, Ihre Musik verschlang als wenn es sie nie gegeben hätte. Manchmal kommen die wahren Helden des Lebens in stillem Gewand daher… Im letzten Jahr war es mir möglich über meine eigenen Erfahrungen und die meiner Oma Dora in einem Forum mit dem Titel „Auf Spurensuche – Kinder und Enkel der ersten Vertriebenengeneration” zu sprechen und auszutauschen. Dieses wurde von dem Frauenverbund im BdV. e.V. Daher möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Frau Sibylle Dreher und Herrn Sven Oole für diese Möglichkeit bedanken. Sie leisten ganz außerordentliche Arbeit und ich empfinde die Aufrechterhaltung eines Dialogs zu diesem und verwandten Themen notwendig. Oft habe ich gedacht, dass es doch irgendwann einmal mit diesem Thema ‚reicht’. Vielleicht ist dem auch so – gerade wenn dieses Thema immer wieder als Entschuldigung oder als politische Waffe eingesetzt wird – oder wenn es um die Einschränkung unserer persönliche Meinungsäußerung geht. Aber auf einer anderen Ebene, auf der des individuellen Erfahrens/des Gesprächs von Mensch zu Mensch habe ich festgestellt wie wichtig dies ist. Mir war es möglich mit vielen Menschen zu sprechen, die selbst noch betroffen waren, aber auch mit Menschen meiner Generation – den Enkeln und Enkelinnen, die das tiefe Bedürfnis verspüren mehr darüber erfahren zu müssen. Sie haben begriffen, dass dies Ihr Leben unweigerlich betrifft. Daher wird mit der Zeit wird immer klarer wie wichtig es ist sich immer wieder einen Moment zu nehmen – innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten, eine andere ‚Brille’ aufzusetzen – um zunächst sich und dann den anderen, gesamten Menschen wahrzunehmen. Das Wunder seiner Existenz und Präsenz zu schätzen… Das dürfen wir nicht vergessen. Lassen wir „es/er/sie gut SEIN”. Dann muss es keine Reue, kein Bedauern geben wenn es ‚zu spät ist’. Wenn wir uns selbst trauen in die Stille hineinzuhorchen; uns selbst und auch andere sein zu lassen und einfach dankbar dafür zu sein, dass diese zwei Erfahrungswelten einander begegnen und für Momente immer wieder zu einer verschmelzen. Die Kunst des Künstlers – vom Erlebnis zum Erleben. Manch' einer mag sich fragen warum ich diesen ‚Nachruf’ auf meiner Homepage des artshouseprojects eintrage, die Antwort ist einfach: weil ich danach strebe das zu leben was ich unterrichte. So wenig ich mich als Mensch von der Vergangenheit, von den Menschen aus denen ich komme trennen kann; genauso wenig kann ich den Künstler von mir, vom Menschen trennen. Alles was ich erlebe beobachte ich auch. Uta Hagen, eine berühmte Schauspielehrerin aus den USA, sagt in ihrem Buch wenn sie gefragt wird welche Motivation(en) ein Schauspier mitbringen sollte folgendes: „…ein tiefgreifendes Bedürfnis die menschliche Kondition zu Verstehen…” Für mich ist der Künstler, der oder diejenige, der nachfragt, weiterbohrt, für den nichts in seinem Leben und seiner Lernerfahrung zu trennen ist bzw. in eine Box mit einem hübschen Etikett zu packen ist. Ich frage nach, wenn in Gesprächen rund um eine Beerdigung eine Frau (wieder) dafür gepriesen wird, dass sie hart gearbeitet und nie geklagt hat. Ich frage 'wann ist das Schweigen die Stärke einer Frau und wann eine Strafe?'
Im nächsten Schritt gehe ich weiter: Es ist (eine) die Kunst, dass das, was uns das Leben lehrt zu transformieren und wieder in veränderter Form aus uns zu entlassen, so dass andere diese Erfahrung machen können – etwas schön zu finden, von etwas berührt zu werden oder sich nachdenklich stimmen zu lassen. Als Künstler ist dies mein Prozeß – ich muss lernen wie ich meine Erfahrung/mein Erlebtes in eine (andere) erlebbare Form verpacken kann. Dazu muss ich Wahrnehmungsprozesse (der Menschen) verstehen. Ansonsten läßt man die Menschen nur davor stehen. Wie vor einer Glaswand. Ohne sie zu berühren. Das ist nicht falsch, aber anders. Außerdem finde ich es persönlich sehr wichtig, dass diese ‚Wahl’ bewußt getroffen wird. Zu oft empfinde ich in dieser Zeit der globalen inter +intra +trans -isms die Arbeiten als zu willkürlich, zu ‚zufällig’. Die Kollaboration zwischen den Künsten und vor allem den Wissenschaften ist sehr wichtig, denn dies deutet an, dass wir uns in einem Prozeß befinden, der das Anerkennen einer Einheit, eines Ganzen vorraussieht. Es gibt natürlich noch eine Reihe von anderen Interpretationsmöglichkeiten – abhängig davon auf welcher Ebene wir dieses Thema betrachten möchten; hierzu ist auch wieder zu erwähnen, dass Analyse immer reduzierend ist, während Erfahrung die Gesamtheit von dem was ist miteinschließt. Abgesehen von der Beobachtungsgabe und dem Drängen Dinge zu hinterfragen, die zu oft als ‚normal’ angenommen werden, ist es also absolut signifikant, dass wir unseren Platz und den unserer Arbeit in der Geschichte lokalisieren; dass wir also verstehen, dass wir durch unser Leben mit dem Vergangenem und dem Zukünftigem verbunden sind und wir nur in Relation existieren. Dann können wir gezielt ausdrücken – das Verstehen und vor allem das Erleben/Fühlen ist es was die KünstlerInnen bewegt, was den Grund für neue Stile und Methoden hervorbringt; der Expressionismus kreierte einen Stil, der das erlebbar machte was sich hinter der Form der Farben und der gesellschaftlichen Oberfläche verbarg; oder betrachten wir für einen Augenblick Van Gogh: es gibt ein Bild mit einem Feld und ein paar Vögeln, die davonzufliegen scheinen – wir ‚lesen’ das Bild anders wenn wir wissen, dass es das Letzte war bevor er sich das Leben nahm… Erlebtes/gefühltes Wissen unterscheidet sich vom intellektuellen Begreifen. Daher spricht man auch davon, dass die Künstler denWissenschaftlern (in gewisser Hinsicht) immer ein Stück vorraus sind. 1) Ich Verständnis2) Die anderen in Relation zur Welt und sich selbst >> Erfahrung, Kommunikation, Verhalten, Wahrnehmung(sprozesse) = Mikro- und Makrokosmos 3) Die Technik/Methodik das Beobachtete und Erlebte zu transformieren. Und dies läuft selbstverständlich nicht nur linear ab, sondern ist ein Prozess mit fließenden Übergängen. Erst nach vielen Jahren ist mir wirklich bewußt geworden wie wichtig mein familärer Mikrokosmos, das geatmete Wissen war/ist. Es ist der Grund warum ich diesen Weg gewählt habe. Es färbt und bestimmt die Form meiner Arbeit. Das Schweigen lehrte mich das Sprechen; lehrte mich meine konstante Wut, mit der ich Wände runter- und aufreißen möchte.
Katrin Riedel-Kelly, November 2007
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